Loreanfeld
Familiendorf des vierten Kreises, Außenkreis für Linienhäuser und Mehrgenerationenbindungen
Kanonischer Status
Bereits festgelegt:
Loraenfeld ist ein Dorf des vierten Kreises. Seine alte Aufgabe lag in der Beobachtung von Familie, Herkunft, Namen, Mutterbindung, Blutlinien und Mehrgenerationenbindungen. Maeriva stammt aus Loraenfeld. Der Namenlose wurde dort geboren. Maerivas Blutlinie geht auf einen unbekannten Urahnen aus dem Synodalkreis der Wiederkehr zurück.
Logisch abgeleitet:
Loraenfeld bewahrt alte Familienregister, Geburtslieder, Ahnenzeichen und Hausgeschichten, ohne deren atherionischen Ursprung vollständig zu verstehen. Die Dorfstruktur sollte deshalb nicht nur räumlich, sondern genealogisch gedacht sein: Häuser, Wege und Ämter ordnen sich nach Herkunft, Namen und Schuld.
Neu vorgeschlagen:
Die folgende Dorfstruktur ergänzt Loraenfeld als spielbaren Startort.
Loraenfeld
Loraenfeld liegt im vierten Kreis der Dörfer, dort, wo der Schatten des Turms nicht mehr nur auf Felder und Dächer fällt, sondern auf Stammbäume, Wiegen, Ehebetten und Totenbretter. Von außen wirkt es wie ein altes, stilles Ackerdorf mit niedrigen Häusern, schmalen Wegen und verwitterten Steinmauern. Doch seine wahre Ordnung liegt nicht in Straßen, sondern in Linien.
Jedes Haus in Loraenfeld gehört nicht einfach einer Familie. Es gehört einer Erinnerung.
Die Bewohner nennen ihre Häuser Linienhäuser. In ihnen werden Geburtsstreifen, Ahnenzeichen, Ehebänder, Sterbetafeln und alte Familienlieder aufbewahrt. Niemand in Loraenfeld kann noch erklären, warum jedes Kind am dritten Tag nach der Geburt vor die Hauswand getragen und mit seinem Namen gegen das Holz gehaucht wird. Niemand weiß, weshalb alte Frauen vor dem Opferwinter die Stammbücher verschließen und kein Messer aufgeschlagen daneben liegen lassen. Doch alle tun es.
Denn in Loraenfeld gilt:
Ein Mensch stirbt nicht, wenn sein Atem endet.
Er stirbt, wenn seine Linie ihn nicht mehr hält.
Grundform des Dorfes
Loraenfeld ist halbkreisförmig um einen alten, flachen Hügel gebaut. Dieser Hügel wird der Linienhügel genannt. Auf ihm steht kein Tempel und kein Herrenhaus, sondern das Haus der Einträge, ein langes, niedriges Gebäude aus dunklem Holz, Kalkstein und alten Fundamentblöcken, die älter sind als das Dorf selbst.
Von diesem Hügel gehen die Wege wie Adern auseinander. Sie führen nicht nach Himmelsrichtungen, sondern zu den alten Familienhöfen. Je näher ein Haus am Linienhügel steht, desto älter gilt seine Linie. Je weiter ein Hof außen liegt, desto jünger, ärmer oder schuldbehafteter ist seine Familie.
Das Dorf besteht aus fünf Hauptbereichen:
- Der Linienhügel
- Der Innere Ring der alten Häuser
- Die Felder und Randhöfe
- Der Stillweg zur Opfergrenze
- Die verfallenen Außenstellen der alten Registerordnung
1. Der Linienhügel
Der Linienhügel ist das Herz von Loraenfeld. Er ist nicht hoch, aber kein Kind spielt dort ohne Erlaubnis. Die Erde ist festgetreten, alt und in manchen Wintern so hart, dass kein Spaten eindringt. Die Dorfbewohner sagen, unter dem Hügel lägen keine Toten, sondern „Namen, die nicht mehr getragen werden“.
Ob das stimmt, weiß niemand.
Das Haus der Einträge
Das Haus der Einträge ist das wichtigste Gebäude des Dorfes. Hier werden Familienbücher, Geburtslisten, Heiratsbänder, Sterbezeichen und Losabschriften bewahrt. Es ist zugleich Archiv, Versammlungshaus und Ort des Losrituals.
Das Gebäude besitzt drei Räume:
Die Vordere Halle
Hier versammelt sich das Dorf bei Streitfällen, Erbfragen, Hochzeiten, Losverkündungen und Bestätigungen der Ältesten. An den Wänden hängen alte Holztafeln mit eingeschnittenen Hauszeichen. Manche Zeichen sind noch lesbar, andere wurden ausgeschabt, übermalt oder absichtlich verbrannt.
In der Mitte steht ein langer Tisch. Auf ihm wird das Losgefäß abgestellt, wenn der Opferwinter beginnt.
Die Kammer der Linien
Dieser Raum ist nur den Dorfältesten, dem Chronisten und zwei gewählten Zeugen zugänglich. Hier liegen die Familienregister in verschlossenen Truhen. Jede Truhe gehört einem Linienhaus.
Die Register sind keine einfachen Bücher. Manche bestehen aus Holzstreifen, andere aus Stoffbändern, Knochenplättchen oder zusammengebundenen Rindenblättern. Ältere Familien besitzen noch dünne, schwarze Tafeln unbekannten Materials, auf denen Namen eingeritzt sind, die sich bei Kerzenlicht schwach silbern zeigen.
Maerivas Linie besitzt hier eine eigene Truhe. Nach ihrer Abholung wurde sie nicht entfernt, aber mit grauem Tuch umwickelt.
Die Hintere Nische
Die Hintere Nische ist der älteste Teil des Hauses. Dort steht eine niedrige Steinplatte, die niemand mehr richtig deutet. Die Bewohner nennen sie den Ersten Tisch. Man legt dort keine Speisen ab, keine Blumen und keine Opfergaben. Nur Namen.
Vor jeder Ziehung werden die Losstreifen dort abgelegt und dreimal gezählt:
Einmal für die Lebenden.
Einmal für die Toten.
Einmal für jene, die der Turm nahm.
2. Der Innere Ring der alten Häuser
Um den Linienhügel stehen die ältesten Familienhäuser Loraenfelds. Sie bilden keinen perfekten Kreis, sondern eine unregelmäßige, gewachsene Ordnung aus Höfen, Mauern, schmalen Gärten und niedrigen Torbögen. Die Menschen nennen diesen Bereich den Inneren Ring.
Hier wohnen die Familien, die seit Generationen Ämter, Registerpflichten oder Zeugenschaft innehaben.
Die Linienhäuser
Ein Linienhaus ist mehr als ein Wohnhaus. Es ist Speicher, Gedächtnis und Gericht über die eigene Familie. Jedes Linienhaus besitzt:
- eine Geburtswand, an der die Namen der Neugeborenen verzeichnet werden
- eine Totenbank, auf der Verstorbene vor der Waschung ruhen
- ein Ahnenfach für alte Zeichen, Haare, Bänder oder kleine Gegenstände
- einen geschlossenen Raum, der während des Opferwinters nicht geöffnet wird
- ein Hauslied, das nur innerhalb der Familie vollständig gesungen wird
Die älteren Häuser sind tief gebaut, mit schweren Dächern und schmalen Fenstern. Viele Eingänge zeigen nicht zum Turm. Türen, die doch in seine Richtung weisen, tragen Querbalken, Eisenstifte oder alte Zeichen gegen das Gesehenwerden.
Die wichtigsten Häuser des Inneren Rings
Haus Vaerhold
Haus Vaerhold stellt seit mehreren Generationen Chronisten und Zeugen des Loses. Es gilt als streng, verschlossen und pflichtbewusst. Die Vaerhold führen die Abschriften der Familienregister und achten darauf, dass kein Name ausgelassen wird.
Nach Maerivas Abholung war es ein Mitglied dieses Hauses, das den Namen des Kindes nicht in die öffentliche Schuldliste eintragen ließ. Ob aus Mitleid oder Berechnung, ist umstritten.
Funktion im Spiel:
Archivzugang, alte Listen, mögliche Hinweise auf Maerivas Blutlinie.
Haus Sarn
Haus Sarn besitzt Felder im Süden und mehrere Ehen mit jüngeren Randfamilien. Es gilt als praktisch, hart und wenig fromm. Die Sarn glauben nicht an Gnade, sondern an Ordnung. Für sie ist das Los grausam, aber notwendig.
Ein Teil der Familie wollte den Namenlosen nach Maerivas Abholung fortgeben oder aus Loraenfeld entfernen lassen, weil man fürchtete, seine Anwesenheit könne den Turm erneut auf das Dorf lenken.
Funktion im Spiel:
sozialer Druck, Feindseligkeit gegenüber dem Protagonisten, Erinnerung an Schuld.
Haus Elbrin
Haus Elbrin ist kleiner, aber angesehen, weil es Hebammen, Totenwäscherinnen und Liedhüter hervorbrachte. Es bewahrt viele Geburtslieder und mütterliche Segensformeln. Die Elbrin standen Maeriva näher als die meisten anderen.
Eine alte Frau dieses Hauses könnte den Namenlosen als Kind geschützt haben. Sie weiß vielleicht nicht die Wahrheit über Maerivas Blutlinie, aber sie erinnert sich an Dinge, die andere verschweigen.
Funktion im Spiel:
emotionale Zuflucht, Maerivas Lieder, erste Hinweise auf Mutterbindung.
Haus Orenthal
Haus Orenthal ist ein altes, aber verarmtes Linienhaus. Seine Register weisen Lücken auf. Mehrere Namen wurden vor Jahrzehnten aus unbekanntem Grund überschrieben. Die Familie gilt als unzuverlässig, vielleicht auch als verflucht.
Manche sagen, Orenthal habe einst versucht, ein Los zu fälschen. Andere sagen, sie hätten nur ein Kind versteckt.
Funktion im Spiel:
moralische Grauzone, Beispiel dafür, was geschieht, wenn ein Dorf versucht, dem Los zu entkommen.
Haus Maeriva
Maeriva sollte kein eigenes Haus im Sinne einer großen Adelslinie besitzen. Besser ist: Sie stammt aus einem kleinen, alten Seitenzweig, dessen ursprünglicher Hausname fast vergessen wurde. Im Dorf spricht man meist nur noch von Maerivas Haus, obwohl dies nicht der alte Name ist.
Ihr Haus steht nicht direkt im Inneren Ring, sondern an dessen Rand. Dadurch ist sie zugleich eingebunden und leicht übersehbar: nah genug an den alten Linien, um wichtig zu sein, aber unscheinbar genug, dass niemand ihre Bedeutung verstand.
Nach ihrer Abholung blieb das Haus bewohnt oder halb bewahrt, je nachdem, ob der Namenlose dort weiter aufwuchs. Es sollte als zentraler Startort dienen.
Funktion im Spiel:
Heimatort des Protagonisten, Maerivas Spuren, emotionale Grundlage der Hauptquest.
3. Die Felder und Randhöfe
Außerhalb des Inneren Rings liegen die einfachen Höfe, Scheunen, Weiden und Felder. Hier lebt der größere Teil des Dorfes. Die Menschen dort besitzen weniger alte Rechte, aber sie tragen dieselbe Angst.
Die Randhöfe sind stärker vom Wetter, von Ernten und vom täglichen Überleben geprägt. Viele Bewohner empfinden die alten Linienhäuser als selbstgerecht. Sie glauben, dass die inneren Familien das Los lenken, auch wenn niemand es beweisen kann.
Die Nordfelder
Die Nordfelder liegen dem Turm am nächsten. Dort wächst das Korn niedriger, und bei Nebel wirken die Halme grau. Kein Kind darf dort nach Sonnenuntergang spielen.
Manche Bauern behaupten, sie hörten im Opferwinter Stimmen aus den Furchen. Andere sagen, das sei nur Wind, der durch die alten Grenzsteine geht.
Die Südfelder
Die Südfelder gelten als fruchtbarer und sicherer. Dort stehen Obstbäume, kleine Bienenhütten und Trockenstangen für Kräuter. Viele Frauen aus Loraenfeld sammeln dort Pflanzen für Geburts- und Totenwaschungen.
Maeriva könnte dort oft gearbeitet haben. Dadurch entsteht ein stiller Ort, an dem der Spieler frühe Erinnerungen oder Fundstücke entdecken kann.
Die Randhöfe
Die Randhöfe gehören jüngeren Familien, Zugezogenen, Schuldlinien und jenen, deren Häuser im Inneren Ring erloschen sind. Sie sind weniger geschützt, aber freier in ihren Bräuchen.
Einige Randfamilien könnten den Namenlosen heimlich unterstützt haben, weil sie selbst wissen, wie es ist, von den alten Häusern verurteilt zu werden.
4. Der Stillweg
Der Stillweg führt vom Dorf zur Opfergrenze. Er beginnt hinter dem Haus der Einträge, verläuft zwischen niedrigen Steinmauern und führt durch ein kahles Stück Land, auf dem kaum Bäume wachsen. Niemand nennt ihn Straße.
Bei gewöhnlichen Begräbnissen wird dieser Weg nicht benutzt. Er ist nur für den Opfergang, für Verbannte, für Wächter und für jene bestimmt, die zum Turm gehen.
Während des Opferwinters wird der Stillweg nicht betreten, außer von den Wächtern. Kinder werfen keine Steine dorthin. Hunde werden zurückgerufen, wenn sie sich ihm nähern. Auf halber Strecke steht ein niedriger Pfahl mit eingeschnittenen Querlinien. Jede Linie steht für einen Opfergang, doch manche sind so alt, dass sie nicht mehr gezählt werden.
Die Letzte Schwelle
Am Ende des Stillwegs liegt die Letzte Schwelle. Sie ist kein Tor, sondern eine Reihe halbversunkener Steine. Dort endet Loraenfeld nach altem Dorfrecht.
Bis hierhin begleiten die Wächter die Geholten. Danach geht niemand weiter, außer dem Opfer selbst.
Maeriva wurde hier zuletzt von den Dorfbewohnern gesehen.
Für den Namenlosen ist dieser Ort besonders wichtig: Er ist die Grenze zwischen Kindheit und Turm, zwischen Erinnerung und Wahrheit, zwischen dem Dorf, das ihn geboren hat, und dem System, das seine Mutter nahm.
5. Die alten Außenstellen
Loraenfeld besitzt mehrere kleine Orte, deren ursprüngliche Funktion vergessen wurde. Sie wirken wie gewöhnliche Dorfplätze, haben aber atherionische Wurzeln.
Der Kinderstein
Ein flacher Stein am Rand des Dorfes, auf dem Neugeborene für einen Atemzug abgelegt werden, bevor sie ihren Namen öffentlich erhalten. Heute gilt dies als Segensbrauch. Ursprünglich könnte es eine frühe Bindungs- und Namensregistrierung gewesen sein.
Maeriva brachte den Namenlosen hierher, verweigerte aber möglicherweise eine vollständige Namensnennung. Das würde erklären, warum seine Namenlosigkeit nicht nur späterer Trotz ist, sondern früh mit Schutz verbunden wurde.
Die Wand der Hände
An einer alten Scheunenmauer befinden sich Handabdrücke aus Kalk, Asche und Blutocker. Jede Familie setzt dort einmal pro Generation ein Zeichen. Die Bewohner glauben, dies halte die Linie zusammen.
In Wahrheit könnte die Wand ein entstellter Rest alter Mehrgenerationen-Beobachtung sein.
Maerivas Handabdruck ist dort noch vorhanden. Der des Namenlosen fehlt oder wurde verwischt.
Der Brunnen der Wiederrede
Ein alter Brunnen nahe dem Inneren Ring. Man sagt, wer dort bei Nacht einen Namen hinabspricht, hört ihn nicht als Echo zurück, sondern in der Stimme eines Verstorbenen. Deshalb ist es Kindern verboten, dort zu spielen.
Der Brunnen sollte nicht wirklich Tote zurückrufen. Besser ist: Er verstärkt akustisch und psychologisch die Angst der Dorfbewohner. Später kann der Spieler jedoch erkennen, dass unter dem Brunnen alte Leitungen oder Resonanzsteine liegen, die mit den vergessenen Außenorganen des Turms verbunden sein könnten.
Der Verschlossene Garten
Ein kleiner, verwilderter Garten hinter Maerivas Haus. Dort wachsen Kräuter, die in Loraenfeld bei Geburten, Fieber und Totenwaschungen verwendet werden. Nach Maerivas Abholung wurde der Garten nicht gepflegt, aber auch nicht vollständig aufgegeben.
Hier könnte der Spieler eines der ersten persönlichen Fundstücke finden: ein halb verrottetes Band, ein gesummtes Lied, eine eingeritzte Schutzformel oder eine Stelle, an der Maeriva etwas vergraben hat.
Soziale Ordnung Loraenfelds
Loraenfeld wird nicht von einem Fürsten oder Priester beherrscht. Seine Macht liegt in Ämtern, Zeugen und Familienrechten.
Die Dorfältesten
Die Dorfältesten bestehen aus Vertretern der ältesten Linienhäuser. Sie entscheiden über Erbschaften, Familienfragen, Aufnahme von Waisen, Schuldzahlungen und die Bewahrung der Register.
Sie sehen sich selbst nicht als grausam. Sie glauben, sie würden das Dorf vor dem Zerfall schützen. Gerade deshalb sind sie gefährlich.
Nach Maerivas Abholung spalteten sie sich in drei Lager:
- jene, die sagten, das Los sei erfüllt und darüber müsse geschwiegen werden
- jene, die glaubten, Maerivas Kind sei ein schlechtes Zeichen
- jene, die ahnten, dass bei dieser Abholung etwas nicht stimmte
Der Chronist
Der Chronist von Loraenfeld führt die Namenslisten. Er kennt Geburten, Todesfälle, Ehen, verschwiegene Kinder, gestrichene Namen und die Reihenfolge vergangener Opfergänge.
Er ist keine rein böse Figur. Ein guter Chronist leidet unter seiner Aufgabe. Ein schlechter Chronist benutzt sie.
Für den Startort ist der Chronist wichtig, weil er Zugang zu Maerivas Linie, dem Losritual und dem gebrochenen Opfergang besitzt.
Die Wächter des Stillwegs
Die Wächter schützen das Dorf nicht vor Räubern, sondern vor Flucht, Panik und dem Bruch des Opfergangs. In der Nacht vor einer Abholung bewachen sie Türen, Wege und Scheunen.
Ein Wächter könnte Maeriva zur Letzten Schwelle begleitet haben. Einer von ihnen könnte den Blick gesenkt haben, als sie nach ihrem Kind fragte. Einer könnte später dem Namenlosen geholfen haben, aus Schuld.
Die Liedhüterinnen
Loraenfeld sollte neben Chronisten auch Liedhüterinnen besitzen. Sie bewahren Geburtslieder, Totenlieder und Hausgesänge. Ihre Rolle passt besonders gut zum Thema Mutterbindung und Erinnerung.
Maeriva kannte einige dieser Lieder. Vielleicht veränderte sie eines davon, um ihrem Kind Schutz zu geben.
Die Liedhüterinnen sind keine offizielle Macht, aber sie bewahren Wahrheiten, die in keinem Register stehen.
Maerivas Haus als Startpunkt
Maerivas Haus sollte der emotionale Mittelpunkt des Startgebiets sein.
Es ist klein, alt und leicht abgesunken. Die Balken tragen Kerben von früheren Generationen. Der Eingang zeigt nicht zum Turm. Über der Tür hängt kein deutliches Schutzzeichen mehr, sondern nur eine Stelle, an der eines entfernt wurde.
Räume
Die Wohnstube
Ein einfacher Raum mit Herdstelle, niedriger Bank und einem kleinen Fenster. Hier kann der Spieler erste Spuren des Alltags finden: eine Tasse, eine Nadel, ein geflicktes Tuch, ein altes Kinderbrett.
Die Stube sollte nicht dramatisch überladen sein. Ihre Kraft liegt darin, dass sie normal wirkt.
Die Schlafkammer
Hier stand die Wiege des Namenlosen. Vielleicht ist sie noch vorhanden, vielleicht wurde sie weggestellt. An einer Wand befindet sich eine kaum sichtbare Kerbe, die Maeriva jedes Jahr machte, um das Wachstum ihres Kindes zu markieren.
Die letzte Kerbe endet vor dem Jahr ihrer Abholung.
Das Ahnenfach
Ein kleines, verschlossenes Fach in der Wand. Darin liegen keine großen Schätze, sondern Dinge von genealogischer Bedeutung: Stoffstücke, ein altes Haarband, ein beschädigter Geburtsstreifen, ein unvollständiges Zeichen der Blutlinie.
Hier kann der erste Hinweis auf den Synodalkreis verborgen sein, ohne ihn sofort zu erklären.
Der Garten
Der Garten ist überwuchert. Zwischen Kräutern und Unkraut steht ein flacher Stein, unter dem Maeriva etwas versteckt haben könnte: ein Liedfragment, ein Schutzzeichen oder einen unvollständigen Namen.
Der Tag, an dem Maeriva geholt wurde
Loraenfeld hat diesen Tag nicht vergessen, aber es hat gelernt, falsch von ihm zu sprechen.
Offiziell heißt es:
Das Los fiel.
Der Name wurde gelesen.
Der Weg wurde gegangen.
Das Dorf blieb verschont.
Doch in den Häusern wird anders erinnert.
Einige sagen, Maerivas Name habe nicht im Gefäß liegen dürfen. Andere sagen, er sei erst nachträglich in die Liste geraten. Manche glauben, der Turm habe nicht das Los, sondern sie selbst gewählt. Wieder andere behaupten, der Losstreifen sei leer gewesen, bis der Chronist ihn berührte.
Für die Dorfstruktur ist wichtig: Dieser Tag hat Loraenfeld nicht nur eine Frau genommen. Er hat die Ordnung des Dorfes beschädigt.
Seitdem misstrauen die Randhöfe den alten Häusern. Die alten Häuser fürchten die Register. Die Wächter meiden die Letzte Schwelle. Die Liedhüterinnen singen manche Strophen nicht mehr. Und der Namenlose lebt als Erinnerung an eine Schuld, die niemand sauber benennen kann.
Umgang mit Schuld nach Maerivas Abholung
Nach Maerivas Abholung entwickelte Loraenfeld vier Arten des Schweigens.
Das amtliche Schweigen
Die Ältesten erklärten den Opfergang für gültig. Maerivas Name wurde in die Liste der Geholten eingetragen. Ihr Haus wurde nicht enteignet, aber unter Beobachtung gestellt.
Das fromme Schweigen
Einige Dorfbewohner behaupteten, Maeriva sei erwählt worden, weil ihre Liebe stark gewesen sei. Das klingt tröstlich, ist aber grausam. Es macht aus dem Verbrechen eine Auszeichnung.
Das ängstliche Schweigen
Viele sprachen nicht mehr mit dem Kind. Nicht aus Hass, sondern aus Angst. Sie fürchteten, Nähe zu ihm könne den Turm aufmerksam machen.
Das schuldige Schweigen
Einige wenige halfen dem Namenlosen heimlich. Sie brachten Essen, reparierten das Dach, ließen Türen offen, warnten vor den Wächtern oder entfernten seinen Namen aus Nebenlisten.
Diese vier Formen des Schweigens sollten im Startgebiet sichtbar sein.
Wer den Namenlosen schützen wollte
Für den Startort empfehle ich drei Schutzfiguren, nicht mehr.
Die alte Liedhüterin
Eine Frau aus Haus Elbrin oder einem ähnlichen Linienhaus. Sie kannte Maeriva als junge Mutter. Sie brachte dem Kind Lieder bei, ohne ihm alle Worte zu erklären. Sie glaubt, dass Maeriva etwas wusste oder ahnte, bevor sie geholt wurde.
Sie schützt den Namenlosen nicht mit Waffen, sondern mit Erinnerung.
Der schuldige Wächter
Ein Mann oder eine Frau, der Maeriva damals bis zur Letzten Schwelle begleitete. Diese Person sagte nichts, obwohl etwas falsch war. Seitdem trägt sie Schuld.
Sie hilft dem Namenlosen später vielleicht nicht aus Mut, sondern weil sie einmal zu feige war.
Der schweigende Chronistengehilfe
Eine jüngere Person im Haus der Einträge, die Zugang zu Listen hat, aber keine volle Macht besitzt. Sie könnte einen Eintrag verändert, verborgen oder unvollständig gelassen haben.
Diese Figur ist nützlich, um dem Spieler frühe Hinweise zu geben, ohne die ganze Wahrheit zu öffnen.
Wer den Namenlosen loswerden wollte
Auch hier sollten es wenige, klare Kräfte sein.
Ein Ältester der harten Ordnung
Er glaubt, der Namenlose sei kein Opfer, sondern ein Bruch. Nicht weil er böse ist, sondern weil seine Existenz beweist, dass das Los nicht sauber war.
Er will ihn nicht unbedingt töten. Er will, dass er verschwindet, fortgegeben wird oder seinen Namen endlich in die Ordnung einfügt.
Eine Familie aus dem Inneren Ring
Diese Familie fürchtet, dass Maerivas Blutlinie alte Schuld aufdeckt. Sie verbreitet Gerüchte: Das Kind sei vom Turm gezeichnet, Maeriva habe sich selbst angeboten, oder der Namenlose habe keinen rechten Platz im Dorf.
Ein Stiller des Theryon
Eine verborgene turmgläubige Person innerhalb des Dorfes. Sie glaubt, der Turm habe Maeriva nicht genommen, sondern erkannt. Für diese Person ist der Namenlose ein unvollendeter Ruf.
Sie wäre der gefährlichste frühe Gegenspieler, weil sie nicht offen feindlich auftreten muss.
Was der Spieler am Anfang finden kann
Loraenfeld sollte als Startort nicht mit langen Erklärungen beginnen. Der Spieler sollte die Wahrheit aus Spuren zusammensetzen.
Sichtbare Spuren
- der Stillweg, den niemand betritt
- Maerivas Haus mit fehlendem Schutzzeichen
- ein graues Tuch um ihre Registertruhe
- eine verwischte Hand an der Wand der Hände
- ein leerer Platz bei den Liedhüterinnen
- Bewohner, die beim Namen Maeriva verstummen
- Kinder, die den Namenlosen meiden, weil ihre Eltern es verboten haben
- ein Wächter, der die Letzte Schwelle nicht ansieht
- ein alter Losstreifen, dessen Schrift nicht zu den anderen passt
Hörbare Spuren
- ein Wiegenlied, das plötzlich abbricht
- Nachbarn, die hinter Türen flüstern
- das dreifache Zählen der Namen
- alte Frauen, die bei Maerivas Strophe schweigen
- ein Kind, das fragt, warum der Namenlose keinen Namen hat
- der Wind am Brunnen, der fast wie eine Stimme klingt
Findbare Gegenstände
- Maerivas Geburtsband
- ein beschädigter Familienzweig
- ein leerer Namensstreifen
- ein Tuch mit altem Ahnenzeichen
- eine Kerbe an der Wiegenwand
- ein Liedfragment mit fehlender Schlusszeile
- eine Liste, in der Maerivas Name nachgetragen wirkt
- ein kleiner Schlüssel zum Ahnenfach
- ein Stein von der Letzten Schwelle
- ein verbotener Eintrag über den Synodalkreis, den niemand mehr versteht
Spielbare Startdramaturgie
Loraenfeld sollte zu Beginn nicht einfach erklärt werden. Es sollte den Spieler langsam abstoßen.
Phase 1: Heimkehr oder letzter Morgen
Der Namenlose bewegt sich durch Maerivas Haus und das Dorf. Alles wirkt vertraut, aber beschädigt. Die Spieler lernen nicht zuerst die Weltgeschichte, sondern die soziale Kälte.
Phase 2: Das Dorf spricht nicht
Gespräche mit Dorfbewohnern zeigen widersprüchliche Erinnerungen an Maerivas Abholung. Niemand lügt vollständig, aber niemand sagt alles.
Phase 3: Das Haus der Einträge
Der Spieler erhält Zugang zu einem Teil der Register. Dort erkennt er, dass Maerivas Los nicht gewöhnlich war.
Phase 4: Die Letzte Schwelle
Der Weg zum Turm wird räumlich vorbereitet. Der Spieler sieht den Ort, an dem Maeriva verschwand.
Phase 5: Der Bruch
Der Namenlose entscheidet sich, nicht länger Objekt der Dorfordnung zu sein. Er geht nicht als offizielles Opfer, sondern als Störung. Genau dadurch wird er für den Turm interessant.
