Einleitung
Seit Menschengedenken steht der Turm über Loraenfeld.
Er ragt aus den alten Ruinen wie ein schwarzer Dorn im Fleisch der Welt. Kein Mensch im Dorf weiß noch, wer ihn erbaut hat. Kein Lied nennt seinen Ursprung. Keine Chronik erklärt, warum sein Licht in manchen Nächten durch den Nebel glimmt.
Doch jeder weiß, was geschieht, wenn der Turm ruft.
Dann werden die Türen verriegelt. Die Feuer klein gehalten. Namen nur noch geflüstert, als könnten Worte selbst gehört werden. Alte Zeichen werden auf Schwellen gezeichnet, und die Ältesten lesen aus den Registern, bis ein Name übrig bleibt.
Am Morgen fehlt immer jemand.
Man nennt es Opfer, weil das leichter zu ertragen ist.
Man nennt es Pflicht, weil Angst dann wie Ordnung klingt.
Man nennt die Geholten Erwählte, weil niemand Verlorene sagen will.
Diesmal nahm der Turm deine Mutter.
Sie war keine Königin, keine Heilige, keine Gestalt aus alten Sagen. Nur eine Frau aus Loraenfeld. Eine Mutter. Ein Mensch, den das Dorf kannte, beweinte und dennoch gehen ließ.
Seit jener Nacht sprichst du deinen Namen nicht mehr aus.
Denn ein Name ist in dieser Welt mehr als ein Wort. Er bindet Erinnerung an Fleisch, Seele an Atem, Schuld an Blut. Wer seinen Namen hergibt, gibt dem Turm vielleicht mehr, als er ahnt.
Nun führt dich der alte Weg fort von den Feldern, vorbei an Grenzsteinen, Opferpfaden und den letzten Lichtern des Dorfes.
Vor dir wartet der Turm von Atherion.
Vielleicht lebt sie noch.
Vielleicht ist nur ein Echo geblieben.
Vielleicht hat der Turm nie genommen, ohne etwas zurückzulassen.
Als du die Schwelle erreichst, regt sich Dunkelheit hinter den Mauern.
Und aus der Tiefe flüstert eine Stimme einen Namen, den du längst begraben hast.