Fraktionen der Nachwelt
Nach dem Fall Sindaraths blieben keine Reiche, Orden oder Heere zurück. Was überdauerte, waren kleinere Ordnungen: Familien, Ämter, Listen, Schwüre, alte Schlüssel, vererbte Schuld und die Angst vor dem nächsten Los.
Die Fraktionen der Nachwelt sind keine freien Mächte. Sie sind Splitter desselben zerbrochenen Systems. Manche bewahren den Opfergang, weil sie glauben, ohne ihn würden alle sterben. Andere beten den Turm an, weil sie in ihm nicht nur Schrecken, sondern Urteil sehen. Wieder andere suchen in den Resten Atherions nach Wissen, nach Erlösung, nach Rache oder nach der Rückkehr einer Welt, die längst an ihrer eigenen Hoffnung zugrunde ging.
Keine dieser Gruppen versteht den Turm vollständig.
Doch jede von ihnen dient ihm auf ihre Weise.
1. Die Hüter des Loses
Die Hüter des Loses sind keine eigene Fraktion im offenen Sinn, sondern ein Netz aus Dorfältesten, Bürgermeistern, Klerikern, Chronisten und alten Familien, die den Opfergang bewahren. Sie nennen sich selten selbst so. Der Name wird meist von denen gebraucht, die sie verachten.
Sie glauben nicht zwingend an die Gerechtigkeit des Loses. Viele wissen, dass der Opfergang grausam ist. Doch sie halten ihn für das letzte dünne Band zwischen Ordnung und Vernichtung. In ihrer Sicht ist nicht das Opfer die eigentliche Schuld, sondern der Bruch des Opfergangs. Wer das Los verweigert, gefährdet nicht einen Einzelnen, sondern das ganze Dorf.
Ihre Macht liegt in Listen, Ausnahmen und Erinnerungen. Sie wissen, welche Familien schon gezahlt haben, welche verschont wurden, welche Namen zu oft in alten Chroniken auftauchen und welche Linien der Turm scheinbar bevorzugt. Sie bewahren Schlüssel, Siegel, Namensplatten und Formeln, deren atherionischer Ursprung ihnen meist nicht mehr bekannt ist.
Nach außen sind sie Verwalter.
Im Innersten sind sie Menschen, die gelernt haben, Schuld in Ordnung zu verwandeln.
Typische Mitglieder: Dorfälteste, Bürgermeister, oberste Kleriker, Chronisten, alte Familienlinien.
Ziel: Fortbestand der Dörfer durch Bewahrung des Loses.
Konflikt: Sie verhindern Widerstand, obwohl sie oft selbst unter dem Opfergang leiden.
Bezug zum Protagonisten: Für den Namenlosen sind sie Mitschuldige. Für sie ist er ein gefährlicher Bruch im Gefüge, besonders weil er seinen Namen verweigert.
2. Die Stillen des Theryon
Die Stillen des Theryon sind heimliche Turmgläubige. Sie treten selten als geschlossene Gruppe auf. In manchen Kirchengemeinden sitzen sie innerhalb der bestehenden Priesterschaft, in weltlichen Dörfern verbergen sie sich unter Nachbarn, Heilern, Totensängern oder Chronisten.
Anders als gewöhnliche Kleriker glauben sie nicht nur, dass der Opfergang notwendig sei. Sie glauben, dass der Turm eine höhere Form von Urteil vollzieht. Für sie ist der Turm kein beschädigtes Relikt, sondern ein leidender Richter, vielleicht sogar der letzte lebendige Rest Atherions. Seine Grausamkeit deuten sie als Prüfung. Seine Ernten als Auswahl. Seine Fehlfunktionen als Zeichen, die nur noch nicht richtig verstanden wurden.
Sie sprechen nicht laut von Anbetung. Ihre Frömmigkeit ist leise, verschämt und gefährlich. Sie ritzen kleine Turmzeichen unter Türschwellen, bewahren Haare oder Namen der Geholten auf und flüstern alte Formeln, bevor das Los gezogen wird. Manche helfen dem Ernteboten indirekt, indem sie Fliehende verraten oder Namen ergänzen, die aus Listen gestrichen wurden.
Die Stillen hassen den Turm nicht.
Sie fürchten, dass er sie eines Tages nicht mehr ansieht.
Typische Mitglieder: Verborgene Kleriker, fanatische Chronisten, Schuldige, Hinterbliebene, die ihren Verlust heilig deuten müssen.
Ziel: Anerkennung durch den Turm, Bewahrung des Opfergangs als heilige Ordnung.
Konflikt: Sie halten Schrecken für Gnade und Verrat für Gehorsam.
Bezug zur Lore: Besonders passend für Vaeliswacht, Selaenried, Rielheim, Rielvarn, Vaerien, Seraelgrund und Thal-Caelthar.
3. Die Nachzeichner
Die Nachzeichner stammen von atherionischen Archivdienern, Schreibern, Registerhütern und niederen Verwaltern der Außenkreise ab. Ihre Ahnen waren keine großen Gelehrten des Synodalkreises, sondern jene, die Namen ordneten, Geburten vermerkten, Totenlisten führten und Bindungen in Schrift verwandelten.
Nach dem Fall Sindaraths verloren sie Amt, Sprache und Auftrag. Doch etwas blieb. In manchen Familien wurden Schreibweisen, Zeichenfolgen, Namensformeln und Bruchstücke der alten Archivsprache weitergegeben, ohne dass ihre volle Bedeutung verstanden wurde. Die Nachzeichner wissen mehr als gewöhnliche Dorfbewohner, aber weniger, als sie glauben.
Sie sammeln alte Chroniken, Namensplatten, zerbrochene Registertafeln und Turmzeichen. Einige wollen damit die Dörfer schützen. Andere suchen nach Wegen, den Turm zu täuschen. Wieder andere sind überzeugt, dass nur die Wiederherstellung der korrekten Namenordnung den Wahnsinn des Turms beruhigen könne.
Ihr Leitspruch könnte aus der atherionischen Archivlehre stammen:
„Kein Name soll vergehen.“
Doch in der Gegenwart ist dieser Satz gefährlich geworden. Denn jeder Name, der bewahrt wird, kann auch gefunden werden.
Typische Mitglieder: Chronistenfamilien, Schreiber, alte Registerhüter, Kinder von Amtslinien.
Ziel: Bewahrung, Entzifferung und Nutzung alter Namenordnungen.
Konflikt: Sie können retten, aber auch ausliefern.
Bezug zum Protagonisten: Seine Namenlosigkeit ist für sie zugleich Schutz, Skandal und Rätsel.
4. Die Zurückrufer
Die Zurückrufer sind keine gelehrte Fraktion, sondern eine Gemeinschaft der Zurückgelassenen: Eltern, Kinder, Ehepartner, Geschwister und Liebende der Geholten. Sie entstehen dort, wo Trauer nicht in Gehorsam übergeht.
Sie glauben nicht unbedingt an Atherion, nicht an die Kirche und nicht an die Dorfältesten. Sie glauben nur, dass die Geholten nicht einfach tot sind. Weil niemand Leichen sieht, weil Stimmen manchmal im Wind des Turms gehört werden, weil Träume zu deutlich sind und weil manche Rückstände des Turms tatsächlich Erinnerungen, Stimmen oder seelische Echos bewahren, halten sie sich an eine grausame Hoffnung.
Ihr Ziel ist nicht, den Turm zu verstehen.
Ihr Ziel ist, jemanden zurückzubringen.
Dadurch sind sie dem Protagonisten am nächsten. Doch gerade deshalb sind sie gefährlich. Die Zurückrufer können Verbündete sein, aber auch Spiegel seines schlimmsten Irrtums. Manche würden jedes Verbot brechen, jede Liste stehlen, jeden anderen opfern, wenn dadurch ein geliebter Mensch zurückkehren könnte.
Sie sind keine bösen Menschen.
Sie sind Menschen, deren Liebe keine Grenze mehr kennt.
Typische Mitglieder: Angehörige der Geholten, Waisen, verwitwete Partner, Eltern verlorener Kinder.
Ziel: Rückholung einzelner geliebter Personen aus dem Turm.
Konflikt: Ihre Hoffnung kann in dieselbe Schuld führen, an der Atherion zerbrach.
Bezug zum Protagonisten: Sehr stark. Er könnte aus ihnen Hilfe gewinnen, aber auch erkennen, was aus ihm werden kann.
5. Die Aschenbrecher
Die Aschenbrecher wollen den Turm zerstören. Nicht reinigen, nicht beschwichtigen, nicht verstehen. Zerstören.
Sie stammen vor allem aus abtrünnigen Dörfern, aus Familien, die durch den Opfergang mehrfach getroffen wurden, und aus ehemaligen Wächtern, die die Geholten bis zur Grenze begleiteten und eines Tages nicht mehr zurückkehren konnten, als wären sie unschuldig geblieben. Manche kommen aus Maerionsteg, wo rostende Maschinen und verbotene Werkstätten noch brauchbare Werkzeuge hervorbringen. Andere aus Yltharbruch, wo Splitter, Glas und alte Bruchstücke des Turms gesammelt werden.
Die Aschenbrecher sind keine heldenhaften Rebellen. Sie sind verbittert, brutal und oft bereit, Unschuldige zu gefährden. Für sie sind Dörfer, die weiterlosen, bereits Teil des Turmsystems. Kleriker verachten sie. Chronisten misstrauen sie. Nachzeichner würden sie töten, wenn diese alte Register bewahren, statt sie zu verbrennen.
Ihr stärkster Gedanke ist einfach:
Solange der Turm steht, bleibt kein Name frei.
Doch sie verstehen nicht, dass der Turm nicht nur aus Stein besteht. Er besteht aus Registern, Bindungen, Seelenresten, Maschinen, Kristallen und den alten Außenkreisen. Ihn zu zerstören könnte Erlösung bringen — oder alles freisetzen, was in ihm gefangen ist.
Typische Mitglieder: Abtrünnige, ehemalige Wächter, Angehörige der Geholten, Schmiede aus verbotenen Werkstätten, Verstoßene.
Ziel: Zerstörung des Turms und aller Ordnungen, die ihn nähren.
Konflikt: Sie könnten recht haben, aber ihre Mittel bedrohen auch die Dörfer.
Bezug zum Protagonisten: Mögliche Verbündete gegen den Turm, aber schlechte Führer für seine Seele.
6. Die Erben Sindaraths
Die Erben Sindaraths glauben, dass Atherion nicht hätte sterben dürfen. Für sie war der Fall kein gerechtes Ende, sondern ein unvollendeter Übergang. Sie sehen die Dörfer nicht als freie Nachwelt, sondern als verarmte, unwissende Reste einer höheren Ordnung.
Sie verehren nicht unbedingt den heutigen Turm. Viele halten ihn für beschädigt, entstellt oder fehlgeleitet. Doch sie glauben, dass in ihm noch immer das Werkzeug liegt, mit dem Atherion wiedererstehen könnte: Archive, Wiedergeburtskern, Seelenlehre, Namensrecht, Maschinen und die verlorene Ordnung des Synodalkreises.
Diese Gruppe sollte klein, elitär und gefährlich ruhig sein. Keine Armee, kein Kult mit Bannern. Eher eine Verbindung aus alten Amtsfamilien, Nachzeichnern, abtrünnigen Gelehrten, reichen Dorfhäusern und Menschen, die das Elend der Gegenwart verachten. Sie sprechen von Wiederherstellung, nicht von Herrschaft. Doch in ihrer Sprache klingt bereits wieder der alte Fehler mit:
Ein einzelnes Leben wiegt wenig gegen den Fortbestand einer ganzen Ordnung.
Die Erben Sindaraths sind damit die klarsten geistigen Nachfolger des späten Atherion.
Typische Mitglieder: Gebildete Chronisten, alte Amtslinien, ehrgeizige Kleriker, Nachfahren atherionischer Verwalter, Menschen mit Zugang zu Artefakten.
Ziel: Wiederherstellung einer atherionischen Ordnung aus den Resten des Turms.
Konflikt: Sie wollen den Fehler Atherions korrigieren, indem sie ihn wiederholen.
Bezug zum Protagonisten: Sie könnten ihm Wissen über Maeriva und den Wiedergeburtskern anbieten, aber nie ohne Preis.
Verhältnis der Fraktionen zueinander
Die Hüter des Loses dulden die Kleriker und Chronisten, solange sie die Ordnung stabil halten. Sie fürchten die Aschenbrecher und misstrauen den Zurückrufern.
Die Stillen des Theryon unterwandern eher, als offen zu herrschen. Sie sehen die Hüter des Loses als nützliche Werkzeuge, die Zurückrufer als unreife Gläubige und die Aschenbrecher als Entweihung.
Die Nachzeichner stehen zwischen allen Seiten. Ihre Listen können dem Los dienen, dem Widerstand helfen oder den Erben Sindaraths den Weg öffnen.
Die Zurückrufer sind emotional am stärksten, aber politisch schwach. Sie können leicht von den Erben Sindaraths oder den Stillen des Theryon ausgenutzt werden.
Die Aschenbrecher hassen fast alle anderen Fraktionen, besonders Hüter, Kleriker und Erben Sindaraths. Mit dem Protagonisten teilen sie den Hass auf den Turm, aber nicht zwingend sein Ziel.
Die Erben Sindaraths verachten die Stillen des Theryon als abergläubisch, die Hüter des Loses als kleinmütig und die Aschenbrecher als Barbaren. Die Nachzeichner betrachten sie als verlorene Verwandte, die man zurück in den Dienst der großen Ordnung führen müsse.