Die 36 Dörfer im Schatten des Turms
Die Dörfer werden in alten Registern nicht als Dörfer bezeichnet, sondern als Außenkreise des Theryon. Jedes Dorf hatte ursprünglich eine dienende Aufgabe für den Turm und die Gemeinschaft. Nach dem Fall Sindaraths und dem Untergang Atherions vergaßen die Bewohner diese Funktionen. Aus Arbeitsämtern wurden Familienbräuche, aus Beobachtungspflichten wurden Dorffeste, aus Forschungsmarkierungen wurden Aberglauben.
Heute glaubt jedes Dorf, es sei aus eigenem Recht entstanden. Doch in den tiefen Archiven des Turmes stehen sie noch immer als angeschlossene Außenorgane.
Erster Kreis: Versorgung und Erhaltung
Diese Dörfer hielten den Turm und die Gemeinschaft am Leben. Sie lieferten Nahrung, Wasser, Stoffe, Holz, Salze, Heilkräuter und konservierende Substanzen.
| Dorf | Alte Aufgabe |
|---|---|
| Lorien-Or | Brunnen- und Wasserort; versorgte den Turm mit reinem Wasser für Heilkammern und Konservierung. |
| Ionfelden | Acker- und Saatendorf; erzeugte Grundnahrung für Pfleger, Arbeiter und Gebundene. |
| Ruvaelgrund | Vieh- und Blutregisterdorf; lieferte Tiere, Blutproben und später auch menschliche Vergleichsdaten. |
| Vaeliswacht | Reinheitsdorf; stellte weiße Tücher, Salben und Stoffe für die Weißlegung Verstorbener her. |
| Theronhain | Stein- und Holzort; versorgte Außenbauten, Wege, Stelen und einfache Maschinengehäuse. |
| Selaenried | Kräuter- und Ruhedorf; züchtete betäubende, heilende und schlaffördernde Pflanzen. |
Diese Dörfer stellten anfangs keine Opfer. Sie waren zu wertvoll als stabile Lebensgrundlage. Erst in der späten Phase wurden auch ihre Bewohner als „gut genährtes, unverbrauchtes Seelenmaterial“ verzeichnet.
Zweiter Kreis: Heilung und Pflege
Diese Orte dienten der Genesung, Quarantäne und Beobachtung von Körperzuständen. Viele ihrer Nachkommen besitzen bis heute Heilbräuche, ohne deren Ursprung zu kennen.
| Dorf | Alte Aufgabe |
|---|---|
| Rielheim | Heilweiler; nahm Genesende aus den unteren Turmebenen auf. |
| Karethruh | Körperpflegedorf; überwachte Wundheilung, Gliedmaßenersatz und körperliche Belastbarkeit. |
| Lyrisbrück | Haut- und Seuchendorf; beobachtete Narbenbildung, Hautkrankheiten und Abstoßungen. |
| Orethsteg | Knochen- und Stützdorf; lieferte Daten über Brüche, Alterung und körperliche Verformung. |
| Veyrthal | Atemdorf; diente der Beobachtung von Sterbeatem, Lungenleiden und der Bewertung von Wiederbelebungsversuchen. |
| Rielvarn | Pflegerdorf; stellte geschulte Helfer, Wärter, Träger und Heilkundenschreiber. |
Nach dem Untergang wurden diese Orte zu Dörfern der Hebammen, Bader, Kräuterfrauen und Totenwäscher. Der Turm wählt aus ihnen bevorzugt Körper, die lange Krankheit, Heilung oder Nahtoderfahrung überstanden haben.
Dritter Kreis: Archiv, Namen und Erinnerung
Diese Dörfer waren keine einfachen Wohnorte, sondern lebende Register. Hier wurden Namen, Stimmen, Geburten, Stammlinien und Totenlieder gesammelt.
| Dorf | Alte Aufgabe |
|---|---|
| Ainorwacht | Erinnerungsdorf; bewahrte Familienchroniken, Lebensläufe und Ahnenlisten. |
| Naelgrund | Namensdorf; registrierte Geburtsnamen, Liniennamen und spätere Ehrennamen. |
| Velorien | Stimmendorf; sammelte Lieder, Sterbeworte, Kinderstimmen und rituelle Chöre. |
| Oranthal | Ahnendorf; führte die ältesten Linien und prüfte Erbbindungen. |
| Vaerien | Totendorf; verwaltete Grabstätten, Totenwachen und Namen Verstorbener. |
| Reitharien | Verwaltungsdorf; ordnete Listen, Abgaben, Geburten, Krankheiten und Todesfälle. |
Diese Dörfer sind für den Turm besonders wichtig. Wer aus ihnen stammt, trägt oft starke Namens- und Erinnerungsspuren. Der Turm erkennt solche Menschen leichter wieder, auch wenn ihre Familien längst vergessen haben, warum ihre Namen bewahrt wurden.
Vierter Kreis: Bindung, Familie und Seele
Diese Siedlungen dienten der Untersuchung von Liebe, Schuld, Trauer, Elternschaft und seelischer Bindung. Sie waren die gefährlichsten Außenorte, weil hier die späteren Opferprogramme vorbereitet wurden.
| Dorf | Alte Aufgabe |
|---|---|
| Vaelirhain | Bindungsdorf; beobachtete Freundschaft, Ehe, Blutsverwandtschaft und Schwurbindungen. |
| Maerbrunn | Mutterdorf; Zentrum für den Kreis der Mutter und mütterliche Bindungsprüfungen. |
| Ilienruh | Kinderdorf; registrierte frühe Namen, Kinderlieder, Träume und erste seelische Prägungen. |
| Thalwacht | Vater- und Schutzdorf; untersuchte Pflicht, Opferbereitschaft und tragende Familienrollen. |
| Loreanfeld | Familiendorf; führte große Linienhäuser und Mehrgenerationenbindungen. Der Namenlose aus Loraenfeld |
| Vaelithgrund | Dorf der Liebenden; beobachtete tiefe Paarbindungen, Trauer nach Verlust und Rückrufversuche. |
Aus diesem Kreis stammen viele der „wertvollsten“ Opfer. Nicht, weil ihre Körper besonders geeignet wären, sondern weil ihre Bindungen stark sind. Für den beschädigten Turm ist eine stark liebende Seele nützlicher als eine bloß gesunde.
Fünfter Kreis: Technik, Wege und Kontrolle
Diese Orte hielten die äußeren Systeme des Turmes funktionsfähig. Sie bauten Wege, versorgten Maschinen, bewachten Tore und erhielten Signalpunkte.
| Dorf | Alte Aufgabe |
|---|---|
| Maerionsteg | Maschinendorf; wartete Pumpen, Hebewerke und äußere Kontrollmechanismen. |
| Aelrath | Brückendorf; erhielt Übergänge, Gräben, Straßen und Lastwege zum Turm. |
| Caelthar | Tordorf; bewachte die erlaubten Zugänge in den äußeren Turmbezirk. |
| Therynwacht | Turmwacht; stellte Wächter, Läufer und Grenzposten. |
| Yltharbruch | Obsidian- und Glassteindorf; lieferte dunkles Glas, Spiegelplatten und Isoliermaterial. |
| Caelithhöhe | Signaldorf; betrieb Lichtzeichen, Sternbeobachtung und Nachtwachen. |
Nach dem Untergang wurden diese Dörfer zu Schmieden, Steinbrechern, Wegwarten und Wachgemeinden. Einige ihrer Familien bewahren noch Schlüssel, Platten oder Metallsiegel, deren Bedeutung niemand mehr versteht.
Sechster Kreis: Prüfung, Opfer und Versiegelung
Diese Dörfer entstanden am spätesten. Sie waren bereits Ausdruck des moralischen Verfalls. Ihre Aufgabe war nicht mehr Versorgung, sondern Auswahl, Prüfung, Abschottung und Bereitstellung von Versuchsträgern.
| Dorf | Alte Aufgabe |
|---|---|
| Thyrien | Prüfdorf; führte Belastungsproben, Gehorsamsprüfungen und Auswahlrituale durch. |
| Serythmoor | Bruchdorf; beobachtete seelische Schäden, Wahnsinn, Trauma und zersplitterte Erinnerung. |
| Ythrenwald | Angstdorf; untersuchte Furcht, Fluchtverhalten und den Moment inneren Zerbrechens. |
| Seraelgrund | Seelendorf; diente der direkten Vermessung seelischer Stärke und Rückrufbarkeit. |
| Vaerethstille | Todesdorf; bereitete Sterbende, Verurteilte und später Opfer für die Letzte Vermessung vor. |
| Thal-Caelthar | Siegeldorf; bewachte versiegelte Wege, verbotene Kammern und ausgelagerte Archive. |
Das dörfliche Losritual entstand nach dem Fall als menschliche Notlösung. Seine Formen, Gefäße, Namensstreifen und Zählweisen stammen jedoch aus älteren atherionischen Auswahl- und Registerverfahren des sechsten Kreises. Die Dörfer erfanden also nicht die Methode selbst, sondern ihre moralische Deutung: Aus Selektion wurde Schicksal, aus Registerprüfung wurde Los.
Warum genau diese 36?
Die 36 Dörfer ergeben eine klare alte Ordnung:
6 Versorgungsdörfer
hielten Körper und Maschinen am Leben.
6 Heildörfer
beobachteten Krankheit, Genesung und körperliche Grenzen.
6 Archivdörfer
bewahrten Namen, Stimmen und Erinnerungen.
6 Bindungsdörfer
untersuchten Familie, Liebe, Trauer und seelische Fäden.
6 Technikdörfer
warteten Wege, Tore, Maschinen und äußere Kontrollpunkte.
6 Prüfdörfer
bereiteten Auswahl, Opferung und Seelenmessung vor.
Für die heutige Bevölkerung ist diese Ordnung zerfallen. Die Dörfer kennen einander als Nachbarn, Rivalen oder Schwurgemeinschaften. Der Turm aber kennt sie noch nach ihrer alten Funktion.
Er wählt nicht einfach aus „Menschen“.
Er wählt aus Registern.
