Entstehung der Siedlungen um den Turm
Die Siedlungen im Umfeld des Turmes entstanden nicht als gewöhnliche Dörfer. Sie waren keine freien Gründungen von Bauern, Flüchtlingen oder Händlern, sondern die letzten, verwilderten Reste eines Systems, das schon in der späten Zeit Atherions seinen Ursprung hatte.
Als der Turm noch Zentrum von Heilkunst, Seelenforschung und Wiederkehr war, benötigten seine Forscher nicht nur Maschinen, Archive und Kammern, sondern auch lebendige Gemeinschaften. Nicht einzelne Körper allein waren für ihre Studien von Wert, sondern Bindungen: Eltern zu Kindern, Liebende zueinander, Trauernde zu Verstorbenen, Alte zu ihren Ahnen. Eine Seele konnte man messen, doch eine Seele im Geflecht ihrer Beziehungen offenbarte mehr.
So legten die Atherion im weiteren Umkreis des Turmes sogenannte Versorgungskolonien, Heilweiler und Beobachtungssiedlungen an. Nach außen dienten sie der Landwirtschaft, der Pflege Genesender, der Aufnahme von Angehörigen und der Versorgung des Turmbezirks. In Wahrheit waren sie zugleich lebende Register. Dort wurden Geburten, Namen, Krankheiten, Trauerfälle, Familienlinien und seelische Bindungen über Generationen hinweg erfasst.
Anfangs war dies nicht zwingend grausam gemeint. Viele dieser Orte waren geordnet, hell und von der alten Würde Atherions geprägt. Man versprach Schutz, Nahrung, Heilung und Teilhabe am großen Werk der Wiederkehr. Wer dort lebte, galt nicht als Gefangener, sondern als Angehöriger eines heiligen Forschungsraumes. Doch je weiter Atherion verfiel, desto mehr veränderte sich der Zweck dieser Siedlungen.
Als die Katastrophe kam und Atherion unterging, blieben die Siedlungen zurück. Die großen Straßen zerbrachen, die Archive verstummten, die Wächter verrosteten in ihren Schreinen. Doch die Menschen starben nicht aus. Einige waren Nachkommen von Arbeitern, Pflegern, Angehörigen und Versuchspersonen. Andere waren Flüchtlinge aus den äußeren Bezirken Sindaraths. Wieder andere wussten längst nicht mehr, warum ihre Ahnen an diesem Ort geblieben waren.
Der Turm aber vergaß sie nicht.
Seine beschädigten Systeme hielten die alten Register für gültig. Namen, Blutlinien, seelische Prägungen und familiäre Bindungen blieben in seinen Archiven erhalten, wenn auch verzerrt und unvollständig. Was früher eine geordnete Erfassung gewesen war, wurde nach dem Untergang zu einem kranken Auswahlmechanismus. Der Turm betrachtete die Dörfer nicht als freie Gemeinden, sondern als noch immer angeschlossene Außenkammern seines Experiments.
Darum wählt er seine Opfer nicht wahllos aus der Welt. Er greift auf jene Siedlungen zurück, die einst in sein System eingebunden wurden. Ihre Bewohner tragen, ohne es zu wissen, alte Markierungen in Namen, Riten, Erzählungen oder sogar in ihrer seelischen Prägung. Manche Familien besitzen stärkere Bindungswerte als andere. Manche Linien haben bereits Opfer gestellt. Manche Geburten erscheinen dem Turm wie Wiederholungen alter Versuchsmuster.
Mit den Jahrhunderten vergaßen die Dörfer die Wahrheit. Aus Forschungsprotokollen wurden Bräuche. Aus alten Warnzeichen wurden Heiligenmale. Aus der technischen Ernte wurde ein Fluch. Die Menschen glaubten schließlich, der Turm verlange alle fünf Jahre ein Opfer aus den alten Außenkreisen, weil ein uralter Pakt gebrochen worden sei oder weil nur ein Tod viele Leben schütze. Nicht jedes Dorf wurde alle fünf Jahre getroffen. Der Opfergang wanderte durch die Region, doch die Dörfer verstanden diese Bewegung nicht mehr als beschädigte Registerfolge, sondern als heilige, grausame Reihenordnung.
Das Losverfahren entstand vermutlich erst später. Es war kein Befehl des Turmes, sondern ein menschlicher Versuch, dem Grauen eine Form von Gerechtigkeit zu geben. Wenn schon jemand gehen musste, sollte niemand offen entscheiden müssen. Das Los bewahrte die Dörfer vor Bürgerkrieg, Schuld und Rache. Doch zugleich machte es sie zu Verwaltern der eigenen Opferung.
Der Turm duldete dieses Verfahren, solange es ihm regelmäßig geeignetes Seelenmaterial zuführte.
Erst wenn ein Dorf sich weigert, wenn das Los gebrochen wird oder wenn eine besonders wertvolle Seele vorhanden ist, greift der Erntebote selbst ein — jene ausgesandte Schinderform, die die Dörfer den Seelenschinder nennen. Dann zeigt sich, dass die Tradition nie ein echter Vertrag war. Die Dörfer hatten nicht Macht über die Wahl. Sie hatten nur gelernt, dem Turm freiwillig zu geben, bevor er selbst nahm.