Gegenwart der Dörfer
Die sechsunddreißig Dörfer um den Turm sind nicht tot, auch wenn viele ihrer Bräuche aus toten Ordnungen stammen. Zwischen Feldern, Moorwegen, Heilgärten, alten Wachsteinen und halbvergessenen Grenzpfählen leben Menschen, die geboren werden, heiraten, erben, streiten, Kinder großziehen und die Jahreszeiten zählen wie überall sonst. Doch über jedem Haus liegt der Schatten des Opfergangs.
Der Turm ist für sie kein fernes Bauwerk. Er ist Wetter, Gesetz und Wunde zugleich. Selbst wer ihn hasst, richtet sein Leben nach ihm aus. Man baut Häuser nicht mit dem Eingang zum Turm. Man spricht bestimmte Namen nicht bei Nacht. Man zählt die Jahre nicht nur nach Ernten, sondern danach, wie lange das letzte Los zurückliegt.
Der Opfergang gilt in den meisten Dörfern als notwendiges Übel. Kaum jemand nennt ihn gerecht. Doch viele glauben, dass ein verweigerter Tribut nicht einen Einzelnen rettet, sondern alle verdammt. So ist aus Angst eine Ordnung geworden, aus Ordnung ein Brauch, und aus dem Brauch ein Recht, das niemand liebt und doch kaum jemand zu brechen wagt.
Das Los
Das Los wird nicht vom Turm selbst gezogen. Es ist eine menschliche Einrichtung, entstanden aus dem Versuch, Schuld zu verteilen, wo Schuld eigentlich keinen Platz haben dürfte.
In den gewöhnlichen Dorfgemeinschaften führt der Bürgermeister das Los. Er bewahrt die Namenslisten, beruft die Zeugen und spricht die Formel, mit der das Dorf seine Entscheidung nicht Entscheidung nennt. Die Lose werden meist vor dem alten Versammlungshaus, an einem Grenzstein oder auf dem Dorfplatz gezogen. Jeder Haushalt stellt einen Namen, sofern er nicht durch altes Dorfrecht ausgenommen ist.
In den Kirchengemeinden übernimmt der oberste Kleriker diese Aufgabe. Dort wird nicht von einem bloßen Opfer gesprochen, sondern von einer Erwählung. Das Los wird vor einem Schrein, einer Glocke, einem Totenbuch oder einem Turmzeichen vollzogen. Die Menschen knien, singen leise und tun, als wäre Gehorsam dasselbe wie Gnade.
In beiden Ordnungen gilt: Bürgermeister und oberster Kleriker werden alle zehn Jahre neu gewählt oder durch den Beschluss der ganzen Gemeinschaft bestätigt. Dieses Recht soll verhindern, dass eine einzige Linie das Dorf dauerhaft beherrscht. In Wahrheit schützt es nur selten vor Macht. Denn die Familien der Amtsinhaber sind meist vom Los verschont, solange ihr Amt besteht. Offiziell heißt es, die Ordnung brauche einen ungebrochenen Hüter. In den Häusern der Armen nennt man es anders.
Manche Dörfer akzeptieren diese Ausnahme widerwillig. Andere haben sie längst zu einem stillen Adel gemacht.
Ämter und Hüter der Dorfordnung
Jedes der sechsunddreißig Dörfer kennt eigene Formen der Verwaltung, doch vier Gruppen finden sich beinahe überall.
Die Bürgermeister stehen den weltlichen Dorfgemeinschaften vor. Sie ordnen Ernten, Streitfälle, Wege, Abgaben und das Los. In alten Dörfern bewahren sie noch Siegel, Ketten, Schlüssel oder Registertafeln, deren Ursprung niemand mehr versteht.
Die Kleriker dienen dort, wo der Opfergang religiös gedeutet wird. Sie lehren, dass der Tribut das Dorf schützt, dass der Turm nicht nur nimmt, sondern prüft, und dass die Erwählten nicht sinnlos verschwinden. Nicht alle Kleriker sind grausam. Manche trösten aufrichtig. Andere haben gelernt, Trost als Werkzeug zu verwenden.
Die Dorfältesten erinnern sich an Grenzbräuche, Familienlinien, alte Schuld und vergessene Verbote. Sie entscheiden über Waisen, Erbschaften, Sühnezahlungen und die Aufnahme verlassener Kinder. In Dörfern ohne starke Kirche sind sie oft die eigentlichen Bewahrer des Alltags.
Die Wächter bewachen keine Mauern gegen Heere, sondern Wege, Moore, Waldsäume, verlassene Höfe und die Nächte vor dem Opfergang. Sie begleiten die Geholten bis zu jener Grenze, an der das Dorf endet und der Turm beginnt. Manche kehren danach wortlos zurück. Manche legen ihr Amt nieder.
Die Chronisten führen Bücher über Geburten, Todesfälle, Ehen, Krankheiten, Losgänge und ungewöhnliche Zeichen. Viele glauben, dies diene nur dem Dorf. Doch gerade diese Chroniken halten unbewusst jene Ordnung am Leben, die einst aus den Registern Atherions hervorging.
Die Geholten
Über die Geholten spricht man nicht überall gleich.
In den Kirchengemeinden heißen sie meist Erwählte. Man sagt, sie seien dem Dorf vorausgegangen, sie hätten eine Last getragen, die sonst auf allen gelegen hätte. Ihre Namen werden in Totenbüchern geführt, auch wenn niemand ihren Tod gesehen hat. Für sie werden Lichter entzündet, doch keine Gräber geöffnet.
In den weltlichen Dorfgemeinschaften spricht man häufiger vom Tribut. Das Wort ist härter, nüchterner und ehrlicher. Ein Tribut ist keine Ehre. Er ist der Preis, den ein Dorf zahlt, um weiter bestehen zu dürfen.
Als Tote gelten die Geholten nur selten offen. Denn wer sie Tote nennt, muss zugeben, dass das Dorf sie dem Tod übergeben hat. Wer sie Erwählte nennt, kann beten. Wer sie Tribut nennt, kann zählen. Wer sie Opfer nennt, macht sich Feinde.
Angehörige der Geholten werden nicht bestraft, nicht ausgestoßen und nicht gesegnet. Sie bleiben, was sie waren: Zurückgelassene. Manche erhalten Hilfe von Nachbarn, manche werden gemieden, weil ihr Haus als berührt gilt. Kinder, die durch den Opfergang ohne Schutz bleiben, werden von der Kirche aufgenommen oder einem Dorfältesten anvertraut. In Dörfern ohne Kirche entscheidet der Ältestenrat, welche Familie das Kind trägt.
Diese Kinder gelten nicht als verflucht. Doch jeder weiß, dass der Turm sich an Linien erinnert.
Kirchengemeinden
In einigen Dörfern ist aus Angst Verehrung geworden. Dort wird der Turm nicht nur gefürchtet, sondern als prüfende Macht, als heiliger Richter oder als letzter Wächter einer vergessenen Ordnung gedeutet. Die Kirche lehrt, dass der Opfergang die Gemeinschaft bewahrt und dass Widerstand nicht Mut, sondern Hochmut sei.
Kirchengemeinden bestehen in:
- Vaeliswacht
- Selaenried
- Rielheim
- Rielvarn
- Vaerien
- Seraelgrund
- Thal-Caelthar
Diese Orte sprechen bevorzugt von den Geholten als Erwählten. Ihre Kleriker führen Totenbücher, Erwählungslisten und Gebetsnächte. In manchen Häusern hängen kleine Turmzeichen über den Türen, nicht aus Liebe, sondern aus dem verzweifelten Wunsch, vom Unglück übersehen zu werden.
Besonders in Vaerien, dem alten Totendorf, hat die Verehrung einen stillen und würdigen Charakter. Dort wird kaum laut gepredigt. Man wäscht Namen, als wären sie Körper. Man bewahrt Stimmen, als könnten sie eines Tages zurückgerufen werden.
In Seraelgrund dagegen ist die Kirche strenger. Dort gilt die Seele als Besitz der Gemeinschaft, solange sie dem Schutz aller dienen kann.
Weltliche Dorfgemeinschaften
Die meisten Dörfer folgen keiner Turmkirche. Sie haben Bürgermeister, Älteste, Wächter und Chronisten, aber keine herrschende Priesterschaft. Sie fürchten den Turm, verehren ihn jedoch nicht. Ihr Gehorsam ist kein Glaube, sondern Erschöpfung.
Zu diesen Dorfgemeinschaften gehören alle nicht kirchlichen und nicht abtrünnigen Orte, darunter:
Lorien-Or, Ionfelden, Ruvaelgrund, Theronhain, Karethruh, Lyrisbrück, Veyrthal, Ainorwacht, Naelgrund, Velorien, Oranthal, Reitharien, Vaelirhain, Maerbrunn, Ilienruh, Thalwacht, Loraenfeld, Vaelithgrund, Aelrath, Caelthar, Therynwacht, Caelithhöhe, Thyrien und Ythrenwald.
Diese Dörfer tragen den Opfergang wie eine Krankheit, die man nicht heilt, sondern verwaltet. Sie streiten über die Loslisten, flüstern über geschützte Familien und fürchten jedes Kind, dessen Name zu oft in alten Chroniken auftaucht.
In Loraenfeld ist diese Angst besonders tief. Als Familiendorf kennt es Linien, Bindungen und Herkunft besser als andere Orte. Wer dort geholt wird, reißt mehr als ein Leben aus der Welt. Er reißt ein Geflecht.
Abtrünnige Dörfer
Nicht alle Dörfer beugen sich noch dem Los. Einige haben die Ordnung gebrochen. Doch Freiheit hat sie nicht erlöst.
Als abtrünnig gelten:
- Vaerethstille
- Serythmoor
- Yltharbruch
- Maerionsteg
- Orethsteg
In diesen Orten wird nicht mehr gelost. Keine Namenslisten werden öffentlich verlesen, keine Kleriker sprechen von Erwählung, keine Bürgermeister übergeben einen Tribut nach altem Recht. Doch gerade deshalb sind diese Dörfer gefährlich geworden.
Manche sind verlassen. Manche sind befallen. Andere stehen unter der Herrschaft von Gesindel, Dieben, Mördern, Triebtätern und jenen, die in den geordneten Dörfern keinen Platz mehr fanden. Wer aus dem Los flieht, sucht manchmal dort Zuflucht. Nicht alle überleben die Aufnahme.
Vaerethstille, einst Todesdorf, gilt als besonders verflucht. Dort soll niemand mehr geboren werden, ohne dass in derselben Nacht etwas anderes stirbt.
Serythmoor zieht Zerrüttete, Wahnsinnige und Schuldige an. Man sagt, das Moor verschlucke nicht nur Körper, sondern auch Erinnerungen.
Yltharbruch ist von dunklem Glas, alten Splittern und geborstenen Spiegelplatten durchsetzt. Manche behaupten, der Turm sehe durch diese Bruchstücke.
Maerionsteg ist ein Ort rostender Maschinen, zerstörter Hebewerke und verbotener Werkstätten. Wer dort herrscht, herrscht durch Metall, Hunger und Angst.
Orethsteg hat seine alten Heil- und Knochenbräuche verloren. Was dort heute geschieht, ist keine Pflege mehr, sondern Verstümmelung, Handel und rohe Gewalt.
Die geordneten Dörfer verachten die Abtrünnigen. Zugleich beneiden manche sie, weil dort niemand freiwillig zum Turm geführt wird. Doch die Ältesten sagen: Ein Dorf, das dem Los entkommt, zahlt anders.
Der stille Riss
So leben die Dörfer heute nicht nur im Schatten des Turms, sondern im Schatten ihrer eigenen Entscheidungen.
Die Kirchengemeinden nennen Gehorsam heilig.
Die Dorfgemeinschaften nennen ihn notwendig.
Die Abtrünnigen nennen ihn Knechtschaft.
Doch keiner von ihnen ist frei.
Denn ob ein Dorf betet, zählt oder rebelliert: Der Turm kennt seine alten Außenkreise noch immer. Er kennt ihre Namen, ihre Linien, ihre Toten und ihre Kinder. Das Los mag Menschenwerk sein. Die Angst aber gehört dem Turm.